Seit Beginn der COVID-19-Pandemie hat sich der Begriff Long COVID eingebürgert. Gemeint sind anhaltende oder neu auftretende Beschwerden nach einer Corona-Infektion.
Medizinisch korrekt spricht man oft von Post COVID, wenn Symptome länger als zwölf Wochen nach der akuten Infektion bestehen. Der Begriff Long COVID ist hingegen eher umgangssprachlich – wird aber auch in Medien und Selbsthilfegruppen genutzt.
Wichtig ist: Beide Begriffe sind keine eigenständigen Diagnosen, sondern Sammelbezeichnungen für sehr unterschiedliche Folgeprobleme nach einer SARS-CoV-2-Infektion.
Dass Infektionen Langzeitfolgen haben können, ist nicht neu. Ähnliche Verläufe gibt es z. B. nach Grippe, Pfeifferschem Drüsenfieber (EBV-Infektion) oder anderen viralen Erkrankungen. Die Fachsprache nennt das PAIS – Post-Acute Infection Syndromes (postakute Infektionssyndrome).
Eine dieser möglichen Folgeerkrankungen ist ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue-Syndrom) – eine schwere, neuroimmunologische Krankheit mit sehr spezifischen Diagnosekriterien.
Die Beziehung zwischen Long COVID / Post COVID und ME/CFS lässt sich so zusammenfassen:
Das verbindende und entscheidende Kriterium ist PEM – Post-Exertional Malaise.
PEM bedeutet: Nach schon geringer körperlicher oder geistiger Anstrengung kommt es mit Verzögerung (oft 12–48 Stunden später) zu einer deutlichen Verschlechterung aller Symptome. Diese Verschlechterung kann Tage, Wochen oder sogar dauerhaft anhalten.
PEM ist bei ME/CFS das zentrale Diagnosemerkmal – und der Grund, warum diese Krankheit einen völlig anderen Umgang erfordert als andere Long-/Post-COVID-Verläufe.
Die Behandlung und Lebensgestaltung unterscheiden sich drastisch:
Wer diesen Unterschied nicht kennt, riskiert Behandlungsempfehlungen, die bei PEM erheblichen Schaden anrichten können.
Bei ME/CFS und Post COVID mit PEM finden Forschende ähnliche biologische Muster:
Post COVID ohne PEM ist dagegen oft geprägt von anderen Langzeitfolgen, etwa:
ME/CFS ist weder selten noch neu. Die Krankheit existiert seit Jahrzehnten und betrifft weltweit Millionen Menschen. Viele leben seit Jahren oder Jahrzehnten mit der Erkrankung – häufig ohne angemessene Versorgung oder gesellschaftliche Anerkennung.
Deshalb ist es wenig klug, die öffentliche Aufmerksamkeit so stark auf Long COVID zu fokussieren. Das blendet unzählige langjährige ME/CFS-Fälle aus, obwohl ihre Situation nicht weniger dramatisch ist.
Viele dieser Betroffenen fühlen sich zu Recht übergangen. Zudem verwässert der unscharfe Begriff „Long COVID“ die Besonderheiten von PEM, was zu falschen Einschätzungen und psychologisierenden Fehldeutungen – auch von medizinischer Seite – beiträgt.