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ein Gedankensplitter

Krankheit als Identität – Wenn Leiden Halt gibt

Wenn die Krankheit mehr ist als eine Diagnose

Was bleibt von mir, wenn meine Krankheit eines Tages nicht mehr alles bestimmt?
Diese Frage stellt sich vielen Menschen mit ME/CFS nicht plötzlich, sondern schleicht sich langsam ins Bewusstsein. Sie entsteht nicht aus dem Wunsch heraus, gesund werden zu müssen oder die Erkrankung hinter sich zu lassen. Vielmehr berührt sie eine tiefere Angst: die Angst davor, den inneren Halt zu verlieren, den die Krankheit im Laufe der Zeit gegeben hat.

Denn für viele Betroffene ist ME/CFS längst mehr als eine medizinische Diagnose. Die Erkrankung ist zu einer Struktur geworden, zu einer Erklärung für das eigene Erleben und zu einem Rahmen, der Orientierung schafft. In einem Leben, das durch ME/CFS oft abrupt aus der gewohnten Bahn gerät, kann genau diese Struktur stabilisierend wirken und vor weiterer Überforderung schützen.

Der Bruch im Leben und das innere Vakuum

ME/CFS ist keine Phase und kein klar abgrenzbarer Lebensabschnitt. Für viele Menschen bedeutet die Erkrankung einen tiefgreifenden Einschnitt, der weit über körperliche Symptome hinausgeht. Das bisherige Leben, mit all seinen Rollen, Gewissheiten und Zukunftsvorstellungen, bricht teilweise oder vollständig weg. Berufliche Identitäten verlieren ihre Bedeutung, soziale Anerkennung schwindet, vertraute Alltagsstrukturen lösen sich auf und Zukunftsbilder, die einst selbstverständlich waren, erscheinen plötzlich unerreichbar.

Psychologisch hinterlässt dieser Bruch ein inneres Vakuum. Der Mensch braucht Orientierung und ein Gefühl von Sinnhaftigkeit, um sich selbst als zusammenhängend zu erleben. Wenn all diese Bezugspunkte gleichzeitig wegfallen, entsteht eine tiefe Verunsicherung. In genau diesem Zustand übernimmt die Krankheit häufig eine stabilisierende Funktion, indem sie erklärt, warum bestimmte Dinge nicht mehr möglich sind, und dem Leiden einen nachvollziehbaren Rahmen gibt.

Die stabilisierende Funktion der Krankheit

ME/CFS schützt in vielerlei Hinsicht. Die Erkrankung erklärt die Grenzen des Körpers, legitimiert Rückzug und schützt vor Erwartungen, die nicht erfüllbar sind. Gleichzeitig schafft sie Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft von Menschen, die ähnliche Erfahrungen machen und das Erleben von Unsichtbarkeit, Erschöpfung und Verlust nachvollziehen können. Diese Gemeinschaft kann ein wichtiger emotionaler Anker sein.

All das ist kein Zeichen von Schwäche oder mangelnder Bereitschaft zur Veränderung. Es ist eine nachvollziehbare Reaktion auf eine existenziell belastende Situation. Problematisch wird es erst dann, wenn die Krankheit nicht nur Teil der Identität ist, sondern zur einzigen inneren Bezugsgröße wird, wenn kein Raum mehr entstehen darf für Anteile des Selbst, die nicht unmittelbar mit der Erkrankung verbunden sind.

Identität ist mehr als ME/CFS

Eine gesunde psychische Verarbeitung von ME/CFS bedeutet nicht, die Erkrankung kleinzureden oder ihre Auswirkungen zu relativieren. Sie bedeutet auch nicht, Symptome zu ignorieren oder sich zu einem positiven Denken zu zwingen. Vielmehr geht es darum, die Krankheit als Realität anzuerkennen, ohne das gesamte Selbst darauf zu reduzieren.

Identität darf mehrschichtig bleiben. Du bist ein Mensch mit ME/CFS, aber du bist nicht ausschließlich deine Erkrankung. Dieser Unterschied mag sprachlich klein erscheinen, ist innerlich jedoch von großer Bedeutung. Denn eine Identität, die sich ausschließlich über Krankheit definiert, lässt kaum Raum für andere innere Anteile wie Werte, Bedürfnisse, Beziehungen oder Formen von Sinn, die nicht an Leistungsfähigkeit gebunden sind.

Der innere Konflikt: Wer bin ich jenseits der Krankheit?

Viele Betroffene erleben einen inneren Konflikt, der schwer in Worte zu fassen ist. „Wenn ich mich nicht mehr über meine Krankheit definiere – wer bin ich dann?“ Diese Frage ist keine Einladung zur Selbstoptimierung und auch kein Zeichen dafür, dass man weiter oder stärker sein müsste. Sie ist Ausdruck eines tiefen Orientierungsbedürfnisses in einer Lebenssituation, die von Unsicherheit geprägt ist.

Denn die Krankheit war nicht nur Verlust. Sie war auch Antwort, Erklärung und Schutz. Sie hat geholfen, das eigene Erleben einzuordnen und sich selbst nicht ständig zu überfordern. Die Vorstellung, diesen inneren Halt zu verlieren, kann deshalb ebenso beängstigend sein wie die Erkrankung selbst. Genau aus diesem Grund braucht dieser innere Prozess Zeit, Sicherheit und einen geschützten Rahmen.

Entwicklung ohne Druck und Erwartungen

Innere Entwicklung bei ME/CFS bedeutet keine Veränderung im Außen und keine Anpassung an ein sogenanntes gesundes Leben. Sie bedeutet keine Leistungssteigerung und keine Zielerreichung. Vielmehr geht es darum, langsam und behutsam einen inneren Raum zu öffnen, für das, was trotz allem noch da ist, für Anteile des Selbst jenseits von Funktion und Symptomatik und für ein Selbstbild, das nicht ausschließlich aus Verlust besteht.

Dieser Prozess ist oft leise, nicht selten schmerzhaft und verläuft selten geradlinig. Er braucht Orientierung statt Forderungen und Mitgefühl statt Bewertung. Vor allem braucht er die Erlaubnis, in dem eigenen Tempo stattfinden zu dürfen.

Ein geschützter Raum für innere Neuorientierung

Wenn du merkst, dass diese Fragen in dir arbeiten, dass deine Identität sich fast vollständig über die Erkrankung definiert oder dass der Gedanke an ein Selbst jenseits der Krankheit Angst auslöst, dann ist das kein Zeichen dafür, dass etwas mit dir nicht stimmt. Es ist ein Hinweis darauf, dass dein Inneres nach Halt und Orientierung sucht.

Der Orientierungsworkshop Ende Februar bietet einen geschützten Raum, um das eigene Selbstbild als erkrankter Mensch behutsam zu betrachten und neu zu sortieren, ohne Druck, ohne Zielvorgaben und ohne die Erwartung, stärker oder weiter sein zu müssen. Alles darf in deinem Tempo geschehen.

Wenn du nicht weißt, wo du weitere Informationen findest, kannst du dich jederzeit per Mail an info@natascha-kunert.de wenden. Du bekommst Unterstützung bei der Orientierung.

Du bist mehr als deine Krankheit – auch dann, wenn sie im Moment alles bestimmt.
Und dieser Gedanke darf Zeit brauchen.